Autor: TinTinLand
Im vergangenen Jahr gab es eine deutliche Veränderung auf dem globalen Risikokapitalmarkt: Kapital fließt in bisher ungekanntem Tempo in KI, während die Investitionsdynamik im Kryptobereich deutlich abnimmt.
Hier zwei Datenreihen:
Diese strukturelle Verschiebung treibt eine Reihe etablierter Krypto-VCs dazu, ihre Ausrichtung zu überdenken und Kapital in den KI-Sektor umzuschichten.
Am 28. Februar berichtete die Branchenpresse, dass der Top-Krypto-VC Paradigm eine neue Fondssumme von bis zu 1,5 Milliarden US-Dollar auflegt, wobei die Investitionen nicht mehr nur auf den Kryptobereich beschränkt sind, sondern auf Künstliche Intelligenz, Robotik und andere zukunftsweisende Technologien ausgeweitet werden.

Verlassen die VCs wirklich die Krypto-Welt und setzen voll auf KI?
Bei genauerer Analyse zeigt sich: Die meisten führenden Krypto-VCs wechseln nicht einfach nur zu KI, sondern suchen nach neuen Chancen an der Schnittstelle von KI und Crypto. KI benötigt Rechenleistung, Daten, Identitäts- und Zahlungssysteme – genau die Bereiche, in denen Blockchain-Technologie ihre Stärken hat.
TinTinLand hat die sechs bedeutendsten Institutionen zusammengestellt, um zu sehen, worauf sie im vergangenen Jahr konkret gesetzt haben.
Seit seiner Gründung im Jahr 2018 ist Paradigm bekannt für seinen investitionsgetriebenen, tiefgehenden Forschungsansatz, mit Erfolgen bei Uniswap, Coinbase, dYdX und anderen.
Bereits 2023 entfernte Paradigm vorübergehend den Begriff „Web3“ von seiner offiziellen Website, was Spekulationen über eine strategische Neuausrichtung auslöste.
Auf die Frage, ob Paradigm die Krypto-Welt aufgibt, antwortete Mitgründer Matt Huang klar: „Wir waren nie so begeistert von Krypto, investieren weiterhin in alle Phasen“, betonte aber auch: „Die Fortschritte bei KI sind zu spannend, um sie zu ignorieren. Wir sehen keine Zero-Sum-Situation zwischen Crypto und KI; es gibt große Überschneidungen.“
🔹 Nous Research (April 2025)
Das dezentrale KI-Startup Nous Research schloss im Jahr 2025 eine 50 Mio. USD Series A ab, angeführt von Paradigm, mit einer Bewertung von 1 Milliarde USD.
Das Unternehmen entwickelt und trainiert offene große Sprachmodelle, im Gegensatz zu den geschlossenen Ansätzen zentralisierter Labs.
🔹 EVMbench (Februar 2026)
Anfang 2026 kooperierte Paradigm mit OpenAI bei der Einführung von EVMbench.
Dieses Benchmark-Tool bewertet die Fähigkeiten von KI-Modellen im Bereich sicherer Smart-Contract-Überprüfungen und bildet die technische Grundlage für zukünftige automatisierte KI-Prüfungen.
🔹 1,5 Mrd. USD Fonds (Februar 2026)
Mehrere Branchenmedien berichten, dass Paradigm einen neuen Fonds mit bis zu 1,5 Milliarden USD auflegt, der Investitionen in KI, Robotik und andere zukunftsweisende Technologien umfasst.
Der Fonds wird weiterhin vom bestehenden Forschungs- und Engineering-Team geleitet, was die Fortsetzung des bisherigen Investitionsprofils bedeutet: Fokus auf fundamentale Technologien und Infrastruktur.
Gegründet 2009, ist Andreessen Horowitz (a16z) eine der einflussreichsten VC-Firmen im Silicon Valley. 2018 wurde der spezielle a16z Crypto-Fonds eingerichtet, der systematisch in Blockchain-Infrastruktur und DeFi investiert. Mit dem Aufkommen generativer KI hat a16z schnell eine zweite strategische Linie eröffnet.
Anfang 2026 kündigte a16z an, einen über 15 Mrd. USD großen neuen Fonds zu schließen, davon etwa 1,7 Mrd. USD für KI-Infrastruktur.
Mehrere Partner bei a16z Crypto haben öffentlich erklärt, dass 2026 ein entscheidendes Jahr für den Übergang von KI-Agenten vom Prototypen- in den Praxiseinsatz sein wird. KI und Blockchain überschneiden sich in Bereichen wie Identität, Zahlungen und Anreizsystemen, was zu neuen technologischen Fusionen führen dürfte.
🔹 Thinking Machines Lab (Juni 2025)
Das KI-Startup Thinking Machines Lab, gegründet vom ehemaligen OpenAI-CTO Mira Murati, schloss eine 2 Mrd. USD Seed-Runde ab, mit einer Bewertung von 12 Mrd. USD, angeführt von a16z. Es ist eine der größten Seed-Finanzierungen in der Silicon Valley-Geschichte.
Das Unternehmen konzentriert sich auf den Aufbau sicherer, universeller generativer KI-Systeme und zieht Forscher von OpenAI, Meta und anderen an.
🔹 Cursor (2024–2025)
Das KI-Programmier-Tool Cursor erhielt in mehreren Finanzierungsrunden von a16z Investitionen, nach der Series D im November 2025 wurde die Bewertung auf 29,3 Mrd. USD geschätzt.
Cursor ist eines der schnellstwachsenden KI-Entwicklungstools. Es integriert große Sprachmodelle tief in die Entwicklungsumgebung, sodass Entwickler komplexe Aufgaben wie Codegenerierung, Debugging und Refactoring per natürlicher Sprache erledigen können. Mehrere Branchenmedien berichten, dass die Jahresumsätze (ARR) von Cursor bereits 2 Mrd. USD übersteigen.
🔹 Catena Labs (Mai 2025)
Catena Labs wurde von Sean Neville, Mitgründer von Circle und Erfinder von USDC, gegründet. Das Unternehmen baut maßgeschneiderte Finanzinfrastruktur für KI-Agenten, inklusive intelligenter Zahlungen, Identitätsprüfung und kostengünstiger Abrechnung.
Im Jahr 2025 schloss das Projekt eine 1,8 Mio. USD Seed-Runde ab, angeführt von a16z crypto, mit Beteiligung von Coinbase Ventures und anderen.
Polychain Capital wurde 2016 von Olaf Carlson-Wee, einem früheren Coinbase-Mitarbeiter, gegründet. Seit Beginn positioniert es sich als „crypto-native“ Investmentfirma.
Polychain spricht nicht explizit von „vom Crypto zum KI“-Wandel, sondern sieht KI eher als eine neue Infrastruktur-Schicht für Blockchain.
Aus Sicht von Polychain sind die Kernengpässe bei KI – Rechenleistung, Daten, Anreizmechanismen – genau die Bereiche, in denen Blockchain-Technologie ihre Stärken hat.
🔹 Billions Network (August 2025)
Billions Network ist ein Projekt, das KI, Privacy Computing und Zero-Knowledge-Proofs verbindet, um eine vertrauenswürdige Identitätsschicht zu schaffen, die es Nutzern ermöglicht, sich zu verifizieren, ohne persönliche Daten offenzulegen. Damit soll eine vertrauenswürdige Identitätsinfrastruktur für KI-Systeme entstehen.
Im August 2025 wurde eine etwa 30 Mio. USD Finanzierungsrunde abgeschlossen, an der Polychain Capital beteiligt war.
🔹 Talus Labs (2024–2025)
Im September 2025 schloss Talus Labs eine 1 Mio. USD Finanzierungsrunde ab, erneut angeführt von Polychain. Das Projekt präsentierte das Konzept PredictionAI, bei dem KI-Agenten in transparenten, verifizierbaren Umgebungen in Prognosen, Wettbewerben und Entscheidungen konkurrieren.
🔹 Grass (2025)
Grass ist ein Daten-Netzwerk für KI-Modelle. Es nutzt das DePIN-Modell, bei dem Nutzer Bandbreite und Netzwerkressourcen bereitstellen, die für das Training von KI-Modellen genutzt werden.
2025 wurde eine ca. 10 Mio. USD Finanzierungsrunde abgeschlossen, an der Polychain beteiligt war. Es ist die dritte Investition von Polychain in dieses Projekt.
Pantera Capital wurde 2003 gegründet, zunächst als globaler Makro-Hedgefonds. 2013 verlagerte es den Fokus vollständig auf Krypto-Assets und unterstützte frühzeitig Projekte wie Circle, Coinbase, Ripple.
Die Investmentlogik bei Pantera basiert auf der Annahme: AI braucht neue Rechen- und Dateninfrastrukturen; Web3 kann dezentrale Rechen- und Datennetze bereitstellen; DePIN + KI werden eine neue Infrastruktur-Schicht bilden.
🔹 Gradient Network (Juni 2025)
Gradient Network ist ein dezentralisiertes KI-Inferenznetzwerk, das ungenutzte Rechenkapazitäten von PCs, Smartphones usw. nutzt, um KI-Modelle kostengünstig zu betreiben.
Im Jahr 2025 schloss das Projekt eine 1 Mio. USD Seed-Runde ab, angeführt von Pantera Capital und Multicoin Capital. Es gilt als bedeutender Vorstoß im Bereich DePIN × KI-Infrastruktur.
🔹 Based (Februar 2026)
Based ist eine Web3-Super-App, die Trading, Payments und Social integriert und KI-Agenten als zentrale Schnittstelle für On-Chain-Interaktionen nutzt, um automatisierte Transaktionen und Asset-Management zu ermöglichen.
Anfang 2026 wurde eine etwa 11,5 Mio. USD Finanzierungsrunde abgeschlossen, an der Pantera Capital beteiligt war, mit weiteren Investoren wie Coinbase Ventures.
1kx wurde 2018 gegründet, hat seinen Sitz in Berlin und war frühe Unterstützer von Projekten wie Lido, Arweave, Gitcoin. Es genießt hohes Ansehen im Bereich DeFi und dezentrale Infrastruktur.
Die Kernüberzeugung: Das Internet befindet sich im Übergang zum „Agent-Internet“, in dem zahlreiche KI-Agenten Aufgaben, Transaktionen und Kollaborationen im Auftrag der Nutzer ausführen. Web3-Infrastruktur ist die Schlüsseltechnologie für diesen Wandel.
🔹 Olas (Februar 2025)
Olas (ehemals Autonolas) ist ein dezentrales KI-Agenten-Netzwerk, das Entwicklern ermöglicht, autonome KI-Agents zu erstellen und zu deployen. Über Anreizmechanismen auf der Chain sollen mehrere Agents zusammenarbeiten.
Im Februar 2025 schloss Olas eine 138 Mio. USD Finanzierungsrunde ab, angeführt von 1kx. Das Projekt plant die Einführung eines KI-Agenten-Store namens Pearl, in dem Nutzer ihre eigenen Agents besitzen und steuern können, z.B. für automatisierten Handel oder Social Media.
🔹 Camp Network (April 2025)
Mit der zunehmenden Nutzung generativer KI-Modelle für Internetinhalte steigen auch die Urheberrechtskonflikte zwischen Content-Erstellern und KI-Firmen. Camp Network will eine Plattform für On-Chain-Speicherung und -Lizensierung aufbauen, um neue Geschäftsmodelle im Bereich Entertainment und IP-Assets im KI-Zeitalter zu ermöglichen.
Im Jahr 2025 schloss das Projekt eine A-Runde in Höhe von 25 Mio. USD ab, bei der 1kx und Blockchain Capital die Lead-Investoren waren.
YZi Labs war ursprünglich bei Binance Labs angesiedelt, wurde 2025 eigenständig und fokussiert nun auf die drei Bereiche Web3, KI und Biotech.
Im Oktober 2025 kündigte YZi Labs die Gründung eines BNB Builder Fund in Höhe von ca. 1 Mrd. USD an, um aufstrebende Projekte in den Bereichen KI, RWA, DeFi und Infrastruktur zu fördern.
Im Vergleich zu einigen auf fundamentale Technologien fokussierten Krypto-VCs verfolgt YZi Labs eine stärker anwendungsorientierte KI-Strategie.
Aktuelle KI-Investments von YZi Labs
🔹 VideoTutor (Oktober 2025)
VideoTutor ist ein KI-Agent für den Bildungsbereich (K12), der automatisch animierte Lernvideos aus Nutzerfragen erstellt und komplexe Konzepte per Sprache und Visualisierung erklärt. Gründer ist der erst 20-jährige chinesische Student Kai Zhao.
Im Oktober 2025 erhielt VideoTutor eine 110 Mio. USD Seed-Finanzierung von YZi Labs. Innerhalb von 10 Tagen nach Launch zählte das Produkt bereits 20.000 Nutzer und produzierte 20.000 Lernvideos.
🔹 USD.AI (August 2025)
Im August 2025 kündigte YZi Labs eine strategische Investition in USD.AI an. Dieses ist ein KI-Infrastruktur-Finanzprotokoll, das GPU- oder KI-Server-Betreibern ermöglicht, durch Hardware-Hypotheken Kredite zu erhalten und stabile Coins auf Basis der Rechenkapazität auszugeben, um die KI-Rechenleistung zu finanzieren.
Der Trend zeigt, dass die wichtigsten KI-Investmentfelder bei Krypto-VCs derzeit folgende sind:
Der beliebteste Bereich, mit Projekten wie Nous Research, Gradient Network, Grass. Kernidee: KI-Modelle sind teuer im Training und bei der Inferenz; durch Blockchain-basierte Anreizmechanismen können globale ungenutzte GPU-Ressourcen koordiniert werden, um kostengünstigere, dezentralisierte Alternativen zu schaffen.
Vertreter: Catena Labs, Olas. Mit KI-Agenten, die Aufgaben und Transaktionen autonom ausführen, wächst der Bedarf an Identität, automatischer Abrechnung und On-Chain-Zahlungen. Die traditionellen Finanzsysteme sind zu langsam, zu hochschwellig und regulatorisch belastet – hier besteht ein echter Infrastrukturbedarf.

Vertreter: Billions Network. In einer Welt voller KI-generierter Inhalte und Bots wird „Beweise, dass man menschlich ist“ immer wichtiger. Zero-Knowledge-Proofs und On-Chain-Identitätsmechanismen bieten Lösungen, um Identität zu verifizieren, ohne Daten offenzulegen.
Vertreter: Camp Network. Mit der Zunahme generativer KI steigt die Bedeutung der Herkunfts- und Urheberrechtsfragen bei Trainingsdaten. Blockchain bietet eine nachvollziehbare, durchsetzbare Plattform für Urheberrechtsregistrierung und -ausschüttung.
Einige Krypto-VCs setzen auch direkt auf Endnutzer-Produkte wie Cursor, VideoTutor – ohne expliziten Web3-Fokus, sondern mit dem Ziel, durch KI die Zugänglichkeit zu senken und breitere Nutzergruppen zu erreichen.
KI-Agenten brauchen autonome Zahlungen, Rechenkapazitäten müssen dezentral koordiniert werden, Identitäten sollen on-chain verifiziert werden, Urheberrechte müssen nachvollziehbar und durchsetzbar sein – diese Anforderungen sind keine Erfindung von Web3, sondern die unvermeidlichen Infrastruktur-Lücken, die durch die Entwicklung von KI entstehen.
Krypto-VCs haben das Web3 nicht wirklich „abgeschrieben“. Der Wechsel in den KI-Bereich ist eine Wette auf den nächsten großen Durchbruch.